Elternatlas

Der Puppenschnitzer der berühmten Augsburger Puppenkiste

Vorspann zur Geschichte der Puppenkiste

Am 26. Februar 1948 eröffnete Walter Oehmichen die Augsburger Puppenkiste mit dem Märchen „Der gestiefelte Kater“.

Walter Oehmichen war mit Rose Oehmichen, einer Schauspielerin, verheiratet. Rose fertigte die Kostüme der Figuren. Die beiden Töchter hießen Ulla und Hannelore. Hannelore heiratete den späteren Theaterleiter Hanns-Joachim Marschall. Die beiden bekamen die Söhne Jürgen und Klaus Marschall. Hannelore Marschall-Oehmichen fertigte von ihrem elften Lebensjahr an bis zu ihrem Tod im Jahre 2003 etwa 6000 Puppen.

(Diese beiden Fotos hängen in Jürgen Marschalls Werkstatt und zeigen oben die Familie Oehmichen und unten Rose Oehmichen.)

Während Klaus Marschall, geboren 1961, die Puppenkiste seit 1992 leitet, dem Kasperl seit Jahrzehnten seine Stimme verleiht und ihm seinen schwäbischen Dialekt verpasst hat sowie mit dem Theater und seinem Kasperl deutschlandweit unterwegs ist, ist Bruder Jürgen Marschall, geboren 1958, seit 1992 leidenschaftlicher Puppenschnitzer.

Brüder, die unterschiedlicher nicht sein könnten und deren Herz doch für Dasselbe schlägt: die Augsburger Puppenkiste. Beide gingen auf das Jakob-Fugger-Gymnasium in Augsburg. Während Klaus Marschall später eine Lehre als Schaufenstergestalter absolvierte, machte Jürgen Marschall eine Malerlehre. Während der jüngere Bruder sich mit Betriebswirtschaft und Zahlen auseinandersetzte, um die Puppenkiste am Leben zu erhalten, war der Ältere noch als DJ in Augsburg tätig; ihm gehörte einst die legendäre Kellerkneipe "Katznstadel". Der Erfinder der Puppenkiste und Großvater der beiden wollte natürlich den Erstgeborenen als Nachfolger sehen. Doch Jürgen Marschall wollte zunächst seine eigenen Wege gehen.

Die Augsburger Puppenkiste - Oehmichens Marionettentheater wird in dritter Generation geführt und die vierte Generation steht schon in den Startlöchern. Somit war, ist und bleibt eines der berühmtesten Puppentheater Europas in Familienhand.

Nebenbei bemerkt: Puppentheater, auf Englisch puppetry, gibt es, so nimmt man an, seit etwa 4000 Jahren. Weltweit.

(Das eindrucksvolle Wappen der Oehmichen´s hängt ebenfalls in der Werkstatt des Puppenbauers.)


Interview mit dem Puppenschnitzer von Augsburg

Nachdem Jürgen Marschall in den letzten Jahren mit ernsthaften gesundheitlichen Problemen und privaten Schicksalsschlägen zu kämpfen hatte, konnte er über ein Jahr lang überhaupt keine Figuren mehr schnitzen. Seit Anfang des Jahres 2019 hat er wieder damit angefangen und wir durften ihn in seiner Werkstatt in einem wunderschönen Kellergewölbe besuchen.

Wie hast Du denn das Handwerk des Puppenschnitzers erlernt?

Ich habe keine Ausbildung, sondern ausschließlich bei meiner Mutter zugeguckt und abgeschaut. Sie war sehr schnell und eine schlechte Lehrmeisterin.

Inwiefern schlecht?

Sie erklärte nicht, sondern machte. Da musste ich mir viel selbst aneignen. Ich konnte zum Beispiel keine Messer schleifen. Doch jedes Mal, wenn ich in die Werkstatt kam, waren die Messer stumpf. Ich hatte meine Mutter öfter darauf angesprochen, aber die Messer waren weiterhin stumpf. Also musste ich es selbst lernen, wie man die Schnitzmesser scharf bekommt.

Wie sah Deine Kindheit aus?

Für uns Kinder war die Puppenkiste nichts Besonderes. Wir sind damit aufgewachsen. Unsere Mutter war den ganzen Tag in der Werkstatt. Egal ob wir Kinder krank waren oder Ferien hatten, sie musste arbeiten. Sie kam nur zum Mittag- und Abendessen hoch. Am Abend brachte sie sogar noch was zum Basteln mit rauf und hat dann genäht. Untertags hatte unsere Oma auf uns aufgepasst und ebenfalls zu Hause genäht.

Welche Figuren sind Deine Lieblinge?

Der Kasperl und der kleine Prinz. Mein Großvater war damals selbst mit auf der Bühne – als Flieger – und mein Vater war der Erzähler. Ich weiß noch, dass mein Vater vor jeder Vorstellung sehr nervös war. Insgesamt erinnere ich mich an sieben Fassungen des kleinen Prinzen.

Wie viele Kasperl Figuren gibt es eigentlich?

Es gibt nur einen Kasperl, der von meinem Großvater gemacht wurde. Im Räuber Hotzenplotz gibt es noch einen Zweiten mit Seppelhut.

Welches Material nimmst Du für die Puppen?

Um einen Kopf zu schnitzen brauchst Du ein 1 Meter langes Linden-Kantholz, das einen Querschnitt von 10 x 10 Zentimeter hat. Lindenholz fasert nicht und gibt einen schönen Schnitt. Es ist nichts vorgefertigt. Lediglich die Hände werden vorgesägt. Die Körper sind aus Hartholz.

Woran schnitzt Du gerade?

Ich schnitze Statisten, um wieder reinzukommen nach meiner langen Pause. Wir haben inzwischen Florian in der Familie, der hervorragend schnitzen kann.

In der Tat ist Florian Moch aus Kissing, der seit 2011 Ensemblemitglied im Theater ist und auch als Regisseur, Autor, Puppenspieler, Bühnenbildner und Kostümbildner sowie Puppenbauer tätig ist, sehr engagiert im Familienbetrieb Marschall. Moch, studierter Theaterwissenschaftler und Deutscher Philologe, fertigte zum 70. Jubiläum 2018 alle 32 Figuren für Richard Wagners „Ring des Nibelungen“ selbst.

Wie lange brauchst Du für eine Puppe, bis sie komplett fertig an den Fäden hängt?

50 bis 60 Arbeitsstunden. Als meine Mutter und ich in den 90er Jahren über einhundert Ratten für den Warner Bros. Fantasy-Kinderfilm „Die Story von Monty Spinnerratz“ fertigten, war ich danach sehr froh, dass es vorbei war. Mein erster Versuch war nicht sehr gelungen und meiner Mutter hat er gar nicht gefallen.

Mit welchen Farben werden die Marionetten bemalt?

Ölfarben, denn die sind abwaschbar, man kann radieren und sie sind lange haltbar. Ich verwende keine Malmittel. Wobei mir meine Mutter die Liebe zum Detail beibrachte. Wir schnitzten einst ein ganzes Blasorcheser und da haben wir den Zahn vom Dirigenten vergoldet. Wir fanden, dass ihm das steht.

Wie viele Fäden hat eine Figur?

Zwei seitliche Kopffäden, einen vorderen Kopffaden, zwei Schulterfäden, zwei Kniefäden, zwei in der Hand und einen am Po, den Komplimentierfaden. Der Kasperl hat vier Fäden mehr: zwei am Fuß vorne und zwei an der Ferse. Das Urmele hat sogar 40 Fäden, denn es macht die Augen auf und zu, wackelt mit den Ohren und dem Schwanz, macht das Maul auf und zu und streckt die Zunge raus.


Der rote Faden in Jürgen Marschalls Leben sind die Marionetten, die Gastronomie und Kellerräumlichkeiten. Der "Katznstadl" war, wie oben erwähnt, im Keller und seine Werkstatt jetzt ist ebenfalls in einem Kellergewölbe. Früher die Kneipe und heute das Café & Restaurant "die Kiste". Früher selbstgemachte Deko´s in Clubs wie dem Bananas (Eröffnung 24.08.84) und für unvergessliche Faschingsveranstaltungen, heute das Handwerk und einzigartige Marionetten. Egal was der Puppenmacher macht, er macht es mit viel Liebe und Hingabe. Sein gesamtes Leben mit all den Höhen und Tiefen macht ihn zu einem überaus sympathischen Menschenfreund mit viel Humor und Herz.

Auch wenn die stark produktiven Jahre aufgrund von schwerer Krankheit vorbei sind, so ist es das Puppenschnitzen, das ihn aufrechterhält. Damit ist Jürgen Marschall aufgewachsen und das macht er für sein Leben gern. Zudem ist seine Frau Caterina sein Ein und Alles. Die Liebe und das Leben haben die beiden fest zusammengeschweißt.

Vielen Dank, lieber Jürgen Marschall für das interessante Interview, die Einblicke in Deine Kindheit und Dein Schatzkästchen, die Werkstatt, Deine Offenheit und all die bezaubernden Puppen, die uns in Märchenwelten führen, die wir ohne Dich gar nicht träumen könnten.


Die gesamte Werkstatt ist voller Erinnerungen

und zu jeder Marionette, zu jedem Holzkopf, gibt es eine Geschichte. Manche Holzköpfe wurden von ihm nie fertiggestellt, weil sich zu Beginn schon herausstellte, dass das nicht so wird wie er es möchte.

Märchen liebevoll von Hannelore Marschall-Oehmichen an das Kinderbett ihrer beiden Buben gemalt.


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