Elternatlas

Poesiealben

So gut wie jedes Mädchen hatte eines. Entweder mit Stoffeinband oder Leder und Goldschnitt, oder ganz früher mit einem Cover aus Samt. Und so gut wie jeder, den das Mädchen kannte, musste reinschreiben: Onkel, Tante, Lehrer, Lehrerin, Bruder, Schwester, Mama, Papa, Oma, Opa, Cousin, Cousine und natürlich alle Schulfreunde. Die Rede ist vom Poesiealbum.

Wenn man ein Album bekam, um dort reinzuschreiben, war das zwar oftmals mit einem Stöhnen verbunden, da es Arbeit machte, aber es war auch Ehrensache. Mit diesen Freundschaftsbüchern ging man sehr sorgfältig um, denn es brachte eine große Schande über einen, wenn man es tatsächlich nicht wieder finden sollte oder man Eselsohren reinmachte oder gar Seiten ausriß. Da war es dann tatsächlich schnell mit der Freundschaft vorbei und wenn man Pech hatte, war die ganze Klasse einem böse, weil man so etwas Schlimmes gemacht hatte. Da kannten die Kinder nichts.

Ein Poesiealbum war stets eine Frage der Ehre, ein Kompliment und eine große Verantwortung. Tintentod war verboten. Zu viel Radieren war verboten. Leichte Bleistiftlinien waren erlaubt. Filzstifte, die auf die andere Seite durchdrückten natürlich tabu und zu viel Klebstoff ein Fauxpas. Die Regeln kannte jeder, obwohl sie nirgends standen und keiner sie aussprach. Nur der Verstoß dagegen bekam der Verursacher zu verspüren.

Schöne Einträge wurden dagegen bewundert. Konnte jemand richtig toll zeichnen, gab es ein Lob. Wer nicht so gut zeichnen konnte, malte einfach ganz viele Herzchen rein. Bildchen mit Glitzer waren besonders beliebt. Lehrer klebten oftmals Scherenschnitte ein. Omas häkelten manchmal sogar etwas, beispielsweise ein Herz mit Blumen. Oder es wurden schöne Postkarten mit zu den Sprüchen geklebt.

Rundum wollte doch jeder dem Inhaber des Albums in guter Erinnerung bleiben - meistens. Tatsächlich ist es doch so, dass man stets schmunzelt und sich freudig an die Personen erinnert, die einem dort etwas hineingeschrieben haben. Liest man dann die kleinen Weisheiten für´s Leben durch, denkt man oft, wie wahr diese Sprüchlein doch sind.

In Auktionshäusern werden Poesiealben aus dem späten 19. Jahrhundert und Anfang 20. Jahrhundert versteigert. Somit haben diese Freundschaftsbücher eine lange Tradition. In den 80er Jahren gab es kaum ein Mädchen, das keines hatte. Später wurden sie durch moderne Alben ersetzt, die alles vorgaben, was man reinzuschreiben hat: Lieblingsfarbe, Lieblingsessen, Adresse, Wohnort, Augenfarbe, Größe, Lieblingsfächer, Lieblingslehrer, Hobbys und "Was ich Dir wünsche". Diese Art Bücher gibt es bis heute. Angefangen wird damit im Kindergarten. Für die Grundschule gibt es dann wieder neue.

Habt Ihr noch Eure Alben zu Hause? Wer Lust hat, kann uns gerne ein Foto seines Albums schicken oder den Lieblingseintrag und wir veröffentlichen das Bild oder auch nur den Text hier im Beitrag. Einfach eine Email an uns.

"Wenn Du einst nach vielen Jahren, dieses Album nimmst zur Hand, denk´ daran wie froh wir waren, in der kleinen Schülerbank."


Schlagwörter
­
­

Unsere Webseite verwendet Cookies, um Dir ein angenehmes Surfen zu ermöglichen. Du kannst Deine Cookie Einstellungen jedoch jederzeit verändern. Weitere Informationen findest Du in unserer Datenschutzerklärung.